GE-SCHICHTE_N. Eine partizipative Installation von Jolanda Todt

21. August - 29. September 2019

Die Installation GE-SCHICHTE_N der Künstlerin Jolanda Todt lädt Besucherinnen und Besucher ein, sich mit der deutschen Besatzung in Polen 1939–1945 zu befassen – Geschichte buchstäblich anzufassen. Das Kunstwerk besteht aus 60 Betontafeln, auf die verschiedene Materialien aufgetragen sind: moderne Fotografien, historische Dokumente sowie Auszüge aus einem Zeitzeugeninterview. Jede Betonplatte eröffnet einen anderen Zugang zur Geschichte. Die Bruchstücke können sich mit individuellem Vorwissen und Assoziationen verbinden. Nur durch genaues Analysieren der Materialien erfahren die Besucherinnen und Besucher, dass sich in der ausgebreiteten Geschichte auch eine persönliche Geschichte verbirgt. Umso mehr sich die Besucherinnen und Besucher mit dem Material auseinandersetzen, desto enger wird der Rahmen innerhalb dessen die Informationen gedeutet werden können.

Begleitprogramm

Kofferarchive – How to piece things back together

1. September | 15-19 Uhr

Interdisziplinärer Storytelling-Workshop (auf Deutsch und Englisch) mit Jolanda Todt und
dem Schriftsteller Rafael Cardoso („Das Vermächtnis der Seidenraupen“, S. Fischer Verlage)

Jolanda Todt und Rafael Cardoso werden die Arbeiten zu ihren Familiengeschichten vorstellen und sich mit den Teilnehmenden auf die Suche nach den schwarzen Löchern in den persönlichen Familienbiographien machen. Sie ermutigen dazu, sich diesen blinden Flecken zu nähern und so einen Impuls zu eigenen Forschungen und künstlerischen Arbeiten zu geben.
Die Teilnehmenden sollen hierzu Ungereimtheiten und Fragezeichen zur Geschichte der Familien in der NS-Zeit in Form von Dokumenten oder Fotografien mitbringen.

Rafael Cardoso fand auf dem Dachboden seiner Großeltern in São Paulo/Brasilien zufällig einen Koffer mit Briefen und Dokumenten seines Urgroßvaters: Hugo Simon war Bankier, enger Berater von Samuel Fischer, Besitzer von Munchs »Der Schrei«; Freund Albert Einsteins und Alfred Döblins, der ihn in einem Roman verewigte. Cardoso selbst veröffentlicht die ihm bis dahin unbekannte Geschichte in seinem Buch „Das Vermächtnis der Seidenraupen“ bei den S. Fischer Verlagen.

Jolanda Todt erforschte die Geschichte ihres Urgroßvaters: Alfred Todt, ab 1934 Reichshauptstellenleiter der NSDAP, Leiter der Abteilung M der NSDAP, SS-Mitglied. Nach der Besetzung Polens war er ab Februar 1940 Landrat und NSDAP-Kreisleiter im Landkreis Łask. Als Mitglied der SS wurde er 1942 zum Kriegsdienst in die Waffen-SS eingezogen. Aus gesundheitlichen Gründen als ungeeignet eingestuft und als Fürsorgereferent eingesetzt. Er blieb bis 1945 Landrat in Łask.

Die Zahl der Teilnehmenden ist beschränkt, wir bitten herzlich um Anmeldungen unter veranstaltung-sw(at)topographie.de oder 030-63902880

SCHATTEN GE-SCHICHTE_N

8. September | 15-19 Uhr

Der Zweite Weltkrieg im Familiengedächtnis
Künstlerischer Storytelling-Workshop mit den Künstlerinnen Adi Liraz und Jolanda Todt

Die Künstlerinnen möchten die Teilnehmenden dazu einladen sich auf Spurensuche zu begeben. Gemeinsam werden sie sich spielerisch mithilfe verschiedener Methoden den eigenen Geschichten nähern und diese erforschen, erzählen und befragen. Sie möchten die Teilnehmenden ermutigen ihren eigenen Ausdruck finden.

Bitte bringen Sie zu dem Workshop mindestens einen Gegenstand oder Fotografien mit, die für Sie als „Erinnerungsträger" Ihrer Familiengeschichte dienen. Diese sollte mit der NS-Zeit verbunden, doch nicht unbedingt in der Zeit hergestellt sein.

Aus Platzgründen bitten wir herzlich um Anmeldungen unter veranstaltung-sw(at)topographie.de oder 030-63902880


CfP: Die Gruppe der zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Konzentrationslagern

Das 32. Arbeitstreffen der Gedenkstätte Ravensbrück nimmt in diesem Jahr gemeinsam mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit die Gruppe der zivilen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Konzentrationslagern in den Blick, die mit Kriegsverlauf eine signifikante Gruppe in den Lagern bildeten. Oftmals mit dem Vorwurf bedacht, sie seien nicht aus politischen Gründen inhaftiert und würden damit den roten Winkel der politischen Häftlinge zu Unrecht tragen – sind sie bis heute weder in der Forschung noch in der öffentlichen Erinnerung mit großer Aufmerksamkeit bedacht. Wenn Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wegen Verstößen gegen die vielfältigen Regeln und Gesetze, die ihren Aufenthalt im Deutschen Reich prägten, in ein Arbeitserziehungslager oder ein Konzentrationslager eingewiesen wurden, geschah dies vor allem aus Gründen der Disziplinierung. Sie sollten zunächst – anders als die meisten Inhaftierten – nach einer gewissen Zeit wieder in den Zwangsarbeitseinsatz integriert werden. Nach Kriegsende verstummten sie oftmals – oder sie teilten die Erinnerungen an die KZ-Haft, die sie anschlussfähig an die politisch geprägten Erzählungen der Nachkriegszeit machten.

Insbesondere die frühe Nachkriegsliteratur thematisiert noch die Differenzen zwischen den KZ-Häftlingen im Lager. Im Zuge stärker ausgeprägter Erzählungen ganzer Gruppenbiografien in den späteren Jahren geriet diese Haftgruppe jedoch in Vergessenheit.

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Das 32. Arbeitstreffen Ravensbrück möchte sich diesem Thema nähern und in bewährter Weise Forschende in diesem Bereich einladen, ihre Forschungsergebnisse und (Teil-)Projekte vorzustellen.

Gemeinsam fragen die Veranstaltenden nach den Gründen für die Überstellung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Konzentrationslager, waren doch für deren Disziplinierung sog. Arbeiterziehungslager (AEL) vorgesehen. Gefragt wird nach den sozialen Verhältnissen, in denen sich diese Gruppen in den Lagern bewegten und der Entwicklung der Narrative in der Nachkriegszeit. In welchem Kontext werden Fotografien von Zwangsarbeitenden genutzt und wie werden sie im Kontext der historischen Forschung wahrgenommen? Unterscheiden sich private und öffentliche Erinnerung an zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Lagern? Finden sich geschlechterspezifische Deutungen?

Das 32. Arbeitstreffen Ravensbrück / 2. Workshop zur Zwangsarbeitsforschung findet am 18./19. Oktober 2019 im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin statt. Die Beiträge verstehen sich als Annäherungen an ein wenig behandeltes Thema, so dass der gemeinsamen Diskussion viel Raum gegeben werden soll. Quellenfunde und offene Fragen sind willkommen.

Die Veranstaltenden bitten um kurze, prägnante Abstracts von höchstens einer Seite mit Vorschlägen für einen 20minütigen Beitrag. Wir bitten diesen bis zum 30. Juni 2019 an die Gedenkstätte Ravensbrück unter sprute@ravensbrueck.de an die Wissenschaftliche Volontärin Hannah Sprute zu senden. Für Rückfragen stehen Hannah Sprute für die Gedenkstätte Ravensbrück und Dr. Andrea Genest (genest@topographie.de) für das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit gern zur Verfügung.

Leider können die Veranstaltenden nicht für Fahrtkosten oder Aufwandsentschädigungen aufkommen.

CfP „Verbotener Umgang“: Zur Bedeutungsgeschichte eines NS-Straftatbestandes

2. Tagung in Kooperation der Gedenkstätten SS-Sonderlager Hinzert, Gedenkstätte Ravensbrück, Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau Dora, Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße und Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Während des Zweiten Weltkriegs waren aus kriegswirtschaftlichen Gründen etwa 10 Millionen so genannter fremdvölkischer Arbeitskräfte – Kriegsgefangene und Zivilarbeiter/innen – im Reichsgebiet eingesetzt. Dies stellte für den nationalsozialistischen Staat eine rassen- und sicherheitspolitische Herausforderung dar. Der nationalsozialistischen Programmatik lag das Ziel einer „homogenen Volksgemeinschaft“ zugrunde und die antisemitische Rassenpolitik der Definition, Kennzeichnung, Ausgrenzung und letztlich Ermordung des jüdischen Teils der deutschen Bevölkerung zielte auf ein „judenfreies Reich“. Mit der Inhaftierung und Deportation einer großen Zahl als „fremdvölkisch“ definierter, mit Kriegsverlauf nahezu rechtlos gestellter kriegsgefangener und ziviler Zwangsarbeiter/innen stellte sich das Problem der Homogenität jedoch erneut. Deshalb waren dem sozialen Umgang zwischen Deutschen und den ausländischen Arbeitskräften starke Reglementierungen gesetzt worden; insbesondere sexuelle Kontakte wurden bestraft. Gleichzeitig aber war der Einsatz ausländischer Arbeitskräfte Teil der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik unter Kriegsbedingungen.

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Die Kriminalisierung des sozialen Umgangs von Deutschen und „Fremdvölkischen“, der „verbotene Umgang“, ist also Ausdruck einer rassistischen wie geschlechterspezifischen Ungleichheitsideologie und damit für die Forschung über Definitionen von Zugehörigkeit, gesellschaftliche und politische Ausschlussmechanismen sowie Integrationsprozesse in einer längeren historischen Perspektive von Bedeutung.

Nach der ersten Tagung zur Geschichte und Nachgeschichte des „Umgangsverbots“ mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern im Nationalsozialismus im Oktober 2016 in der Gedenkstätte Ravensbrück soll das Thema nun in einer zweiten Fachkonferenz am 15./16. November 2019 in der Gedenkstätte SS-Sonderlager Hinzert vertieft werden. Neben notwendigen biografischen und lokalgeschichtlichen Ansätzen zielt die Tagung auf eine Systematisierung und Erfassung in einer breiteren, sozialhistorischen Perspektive.

Dafür sollen fünf Themenkomplexe berücksichtigt werden, die unter ideologischen, rassistischen, funktionalen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und juristischen Faktoren sowie Gender-Aspekten untersucht werden. Diese sollen in ihrem Zeitverlauf wie auch in Hinblick auf regionale Unterschiede herausgearbeitet werden. Die historischen Entwicklungen sollen damit nicht erst ab Kriegsbeginn dargestellt, sondern mit ihrer Vor- und Nachgeschichte kontextualisiert werden. Gleichzeitig ist zu fragen, wo angrenzende Themen berührt werden.

Wir laden zu Beiträgen zu folgenden Themenkomplexen und Fragestellungen ein:

Denunziation (Gesellschaft)

Welche Rolle spielten Denunziationen für Anschuldigungen aufgrund des Umgangsverbots?

Welche Motivlagen gab es für Denunzianten und welche Folgen hatten Denunziationen für diese?

Verfolgung aufgrund des Umgangsverbots (Polizei und Justiz)

Wie wurden die Beschuldigten verfolgt? Welche Unterschiede gab es in der Verfolgung mit Blick auf nationale Herkunft sowie auf das Geschlecht? Wie entwickelte sich die Verfolgungspraxis im Verlauf des Krieges? Wie ging die Öffentlichkeit mit Menschen am Pranger oder sog. Haarscheraktionen um?

Kinder, die aus unerlaubten Beziehungen entstanden

Wie wurde mit den Kindern ausländischer Frauen umgegangen, wie mit denen deutscher Frauen?

Institutionelle und gesellschaftliche Aufarbeitung: Anerkennung und Entschädigung

Spielten Fälle geahndeten „verbotenen Umgangs“ eine Rolle in Anerkennungs- und Entschädigungsverfahren? Lassen sich Veränderungen in den unterschiedlichen zeitlichen Phasen feststellen?

Erinnerungskultur

In welcher Weise wurde und wird das Thema in künstlerischer und erinnerungspolitischer Form aufgegriffen? Welche literarischen Texte widmen sich dem Thema? Ist das Thema des „Verbotenen Umgangs“ in künstlerischen Formen angesprochen worden? Sind spezifische Gedenkzeichen sind bekannt?

Bitte senden Sie Ihr Exposé von etwa einer halben Seite zu einem der fünf genannten oder angrenzenden Themen bis zum 31. Mai 2019 per E-mail an Dr. Beate Welter, Leiterin der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert: Beate.Welter(at)gedenkstaette-hinzert-rlp.de

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International Winter School 2019

Wir freuen uns, in diesem Jahr zum zweiten Mal Gastgeber für die Internationale Winter School gemeinsam mit dem ITS Bad Arolsen sein zu dürfen.

Vom 10. bis zum 16. Februar treffen sich hier im Dokumentationszentrum 15 Nachwuchspädagog*innen aus Polen, den Niederlanden, Österreich, Ukraine, Rumänien, Portugal, Griechenland, Spanien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Deutschland, die sich über die Didaktik und Methodik der pädagogischen Vermittlung des Themas NS-Zwangsarbeit sowie die Aufarbeitung der Thematik im Nachkriegseuropa aus transnationaler Perspektive austauschen können. Im Mittelpunkt stehen dabei „zivile“ und jüdische Zwangsarbeiter*innen in Nazi-Deutschland.

Im Rahmen der Winterschule werden zudem der Dokumentenbestand des ITS in Bezug auf Zwangsarbeit vorgestellt und Möglichkeiten diskutiert, wie Pädagog*innen mit diesen Dokumenten arbeiten können.

Damit es nicht bei Papier bleibt, freuen wir uns besonders, dass sich Vera Friedländer, Zeitzeugin aus Berlin, bereit erklärt hat, mit den Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen.

Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Deutschland rufen auf zur Verteidigung der Demokratie

Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt nehmen als Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit einer verbrecherischen Vergangenheit eine wichtige Bildungsaufgabe für die Gegenwart wahr. Ihre Arbeit folgt der aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus gewonnenen Verpflichtung unserer Verfassung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Art.1GG).

Lernen aus der Geschichte der NS-Verbrechen heißt auch Warnzeichen rechtzeitig zu erkennen, wenn eine nachhaltige Schwächung unserer offenen Gesellschaft droht. Wir wissen aus der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass Demokratien mit Standards wie dem Grundgesetz, den europäisch und international verankerten Menschenrechten, Minderheitenschutz, Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung mühsam erkämpft wurden und fortdauernd geschützt und ausgestaltet werden müssen.

Immer offener etablieren sich in der Gesellschaft Haltungen, Meinungen und Sprechgewohnheiten, die eine Abkehr von den grundlegenden Lehren aus der NS-Vergangenheit befürchten lassen. Wir stellen mit Sorge fest:

  • ein Erstarken rechtspopulistischer und autoritär-nationalistischer Bewegungen und Parteien,
  • eine verbreitete Abwehr gegenüber Menschen in Not sowie die Infragestellung und Aufweichung des Rechts auf Asyl,
  • Angriffe auf Grund- und Menschenrechte,
  • die Zunahme von Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit,
  • eine damit einhergehende Abwertung von Demokratie und Vielfalt.

Hinzu kommt ein öffentlich artikulierter Geschichtsrevisionismus, der die Bedeutung des Erinnerns an die Verbrechen des Nationalsozialismus als grundlegende Orientierung der deutschen Gesellschaft in der Gegenwart angreift und durch ein nationalistisches Selbstbild ersetzen möchte.

Diesen aktuellen Entwicklungen treten wir mit unserer täglichen Arbeit in der historisch-politischen Bildung entgegen. Aber sie erfordern darüber hinaus politisches und bürgerschaftliches Handeln. Wir appellieren daher an die Akteure in Politik und Gesellschaft, das Wissen um die historischen Erfahrungen mit ausgrenzenden Gesellschaften wie dem Nationalsozialismus für die Gegenwart zu bewahren und sich für die Verteidigung der universell geltenden Grund- und Menschenrechten einzusetzen.

Verabschiedet von der 7. Bundesweiten Gedenkstättenkonferenz am 13.12.2018

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