Aktuelle Pressemitteilungen

Universitätsbesetzungen und israelbezogener Antisemitismus – ein Kommentar der Leitungen von NS-Erinnerungsorten im Berliner Raum

Pressemitteilung der Ständigen Konferenz der NS-Gedenkorte im Berliner Raum

Berlin, 06. Juni 2024
   
Seit dem 7. Oktober 2023 und noch einmal zugespitzt mit den Universitätsbesetzungen im Mai 2024 nehmen wir auch aus den Reihen der Wissenschaft Positionierungen wahr, zu denen wir vor dem Hintergrund unserer Arbeit an NS-Erinnerungsorten Stellung beziehen müssen.

Die aktuellen Besetzungen deutscher Universitäten aus Protest gegen den Krieg in Gaza, der sich verheerend auf die Zivilbevölkerung auswirkt, geben auch radikalen antizionistischen, israelfeindlichen und antisemitischen Stimmen eine Plattform, zuletzt bei der Besetzung des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin am 22./23. Mai 2024. Dies zeigte sich unübersehbar

  • in der Verwendung des roten Dreiecks, mit dem die Hamas Ziele markiert, die von ihr oder anderen israelfeindlichen Militanten angegriffen werden (sollen);
  • durch den Slogan „From the river to the sea…”, der sich gegen das Existenzrecht Israels richtet;
  • durch die Parolen „Back to 1948“ oder „We want 48”, die ein Palästina in den Grenzen des einstigen britischen Mandatsgebietes vor dem UN-Teilungsplan und vor der Gründung des Staates Israel fordern;
  • durch die Rufe „Zionisten sind Faschisten, töten Kinder und Zivilisten“, „Zionism is a crime“ oder „Antifaschismus ist Antizionismus“, die falsche historische Analogien herstellen und alte antisemitische Stereotype aufgreifen;
  • durch die Aussage „Resistance is justified“, die den brutalen Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 zu einer legitimen Militäraktion umdeutet;
  • durch Rufe, die Gewalt gegen israelische und jüdische Institutionen und Personen in Deutschland fordern: „Von Berlin nach Gaza, yallah intifada“ oder „When Gaza burns Berlin burns“.

Wir sehen in dieser Sprache der Gewalt und in den Forderungen nach einem Boykott akademischer Beziehungen mit Israel und Israelis einen Angriff auf die Grundsätze demokratischer Auseinandersetzung und die Prinzipien politisch-historischer Bildung. Wir arbeiten mit israelischen Institutionen und Menschen in Israel zusammen: mit Gedenkstätten, Zeitzeug:innen und ihren Angehörigen; mit Universitäten und Wissenschaftler:innen; mit Museen und Künstler:innen; mit Organisationen der Zivilgesellschaft. Und wir werden die akademischen und kulturellen Beziehungen mit Israel weiterhin pflegen und intensivieren.

Universitäten und andere Bildungseinrichtungen sollten Orte einer offenen, demokratischen Debattenkultur sein. Von den Protestierenden wurde die Anerkennung eines vermeintlichen israelischen Genozids zur Voraussetzung für weitere Gespräche mit den Universitätsleitungen gemacht, beispielsweise am 22. Mai 2024 gegenüber der Präsidentin der Humboldt-Universität, Prof. Julia von Blumenthal. Hierin zeigt sich deutlich eine israelfeindliche Ideologie, die sich einer kritischen Einordnung der Gegenwart verweigert.
   
In der veröffentlichten Stellungnahme von Berliner Lehrenden zu den Besetzungen an der FU Berlin und anderen Universitäten vom 8. Mai 2024 ging es jedoch vor allem darum, das Recht von Studierenden auf „die Besetzung von Uni-Gelände“ zu verteidigen. Mit keinem Wort erwähnt wurden ihre jüdischen oder israelischen Studierenden oder andere Studierende, die diese Haltungen ablehnen bzw. sich durch die Proteste eingeschüchtert und bedroht fühlen. Auch als am 23. Mai 2024 die Räumung des Instituts an der Humboldt-Universität bevorstand, sahen diese Lehrenden ihre Rolle vor allem darin, Studierende vor möglicher Polizeigewalt zu schützen. Vermisst haben wir dabei klar einordnende, erklärende und kritisch kommentierende Worte zu den Aussagen, Forderungen und dem aggressiven und demokratiefeindlichen Verhalten einer großen Zahl der Protestierenden.
   
Das Signal, das von diesem Umgang mit den höchst aggressiven „Protestcamps“ durch die Verantwortlichen ausgeht, sehen wir kritisch. Nicht nur jüdische oder israelische Studierende werden bedroht. Sie richten sich insbesondere gegen Wissenschaft und Bildung als Ganzes und tragen dazu bei, mögliche Gesprächspartner:innen einzuschüchtern und auszugrenzen, mithin Dialog und Verständigung zu verhindern.

Ständige Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte im Berliner Raum

Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Dr. Andrea Riedle, Direktorin der Stiftung Topographie des Terrors
Prof. Dr. Axel Drecoll, Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Prof. Dr. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Kontakt:
Eike Stegen, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

stegen(at)ghwk.de  

Ausstellung "Ganz Europa kickte in Berlin. Fußball und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus"

Anlässlich der Euro 2024 zeigt das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin vom 31. Mai 2024 bis zum 3. November 2024 eine kleine Ausstellung mit Fotos, Biografien und Zitaten zum Thema.

Fußball wurde auch im Nationalsozialismus gespielt. Doch wer durfte spielen und wer wurde ausgegrenzt? Was für die meisten überraschend ist: Auch Verfolgte des NS-Terrorregimes spielten Fußball. Die meisten Fußballspieler stammten aus einer wenig bekannten Opfergruppe: den zivilen Zwangsarbeiter:innen. Etwa 8,4 Millionen Menschen verschleppten die Nazis aus ganz Europa zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich aus einem einzigen Grund: Sie waren billige Arbeitskräfte.

Für die Zwangsarbeiter war Fußball eine Möglichkeit der Selbstbehauptung und eine willkommene Ablenkung, um den schweren Alltag zu vergessen. Manchen verhalf ihr großes Talent sogar zu besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Fußballspielen war für Zwangsarbeiter jedoch keine Selbstverständlichkeit, erlaubt war der Sport nur Männern aus Westeuropa. Männern aus Polen und der Sowjetunion war er aus rassistischen Gründen streng verboten. Einige spielten trotzdem. Und Frauen waren nur als Zuschauerinnen bei Wettbewerben zugelassen.

Die Ausstellung beleuchtet die Situation von fußballspielenden Zwangsarbeitern. Grundlage bietet die Fotoüberlieferung des Niederländers Alber Langerak, die Mannschaftsturniere seiner Landsleute, aber auch Spiele anderer Nationalitäten dokumentiert. Die Fotos übermitteln schlaglichtartig eine Normalität, die es so nicht gab, denn sie blenden den Krieg und die Zwangssituation der Menschen aus – und doch gab es für einige der Zwangsarbeitenden durch das Fußballspiel ein wenig Normalität.

Außerdem werden mit den Biografien eines niederländischen, eines polnischen und eines jüdischen fußballspielenden Zwangsarbeiters die Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten und Überlebenschancen der verschiedenen NS-Verfolgten verdeutlicht.

Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit bietet begleitend Führungen auf Deutsch und Englisch an sowie einen mehrtägigen Workshop für Fußballfans auf Deutsch.

Die Ausstellung und die begleitenden Bildungsangebote finden am Ort eines ehemaligen fast vollständig erhaltenen Zwangsarbeiterlagers in Berlin-Schöneweide statt. Während des Zweiten Weltkrieges gehörte es zu den mehr als 3.000 über das Stadtgebiet verteilten Sammelunterkünften für Zwangsarbeitende, in Deutschland gab es sogar 30.000 dieser Lager. Im Rahmen der Fußballangebote wird auch das heutige Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit am historischen Ort besichtigt.

Kontakt:
Daniela Geppert
geppert(at)topographie.de

Gesamt PDF

Auf Spurensuche eines Nürnberger Nazi-Funktionärs

Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit hofft für neue Sonderausstellung auf mehr Informationen zum ehemals in Roth wohnhaften Hans Rössler

Ein griechischer Nachkomme überlebender Juden aus Thessaloniki machte vor einigen Jahren in München einen einzigartigen Fund. Auf einem Flohmarkt stieß er auf eine historische Fotosammlung. Die Fotos, so stellte sich dank seiner Recherchen heraus, zeigen Abtragungsarbeiten eines Felsens in Karya an der Bahnstrecke Athen-Thessaloniki, der Hauptstrecke zur Ausplünderung des Landes durch die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.

Die circa 300 jüdischen Zwangsarbeiter kamen aus dem Ghetto in Thessaloniki und mussten in Karya unter anderem ein neues Gleis bauen. Viele waren aufgrund unmenschlicher Arbeit, Hunger und Gewalt rasch entkräftet und starben vor Ort. Die Überlebenden verschleppte die SS im August 1943 mit dem letzten Transport aus Thessaloniki nach Auschwitz.

Die Firma Überland führte im Auftrag der NS-Organisation Todt die Bauarbeiten am Bahnhof Karya durch. Der dort angestellte Bauingenieur Hanns Rössler (1905-1995) – gebürtig in Nürnberg und NSDAP-Mitglied – fotografierte und dokumentierte diese. Er ist mutmaßlich der Urheber und frühere Besitzer des gefundenen Fotoalbums.

Ausgehend von den bislang nicht publizierten Fotos der Zwangsarbeit jüdischer Männer an der Bahnstrecke wird aktuell unter Federführung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin eine multiperspektivische Wanderausstellung erarbeitet. Die geplante Ausstellung wird im September 2024 in Berlin und in Athen eröffnet und von dort in verschiedene deutsche und griechische Städte wandern. Die von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft und dem Bundesministerium der Finanzen geförderte Ausstellung soll bisher kaum wahrgenommene Aspekte der Geschichte der deutschen Besatzungsherrschaft, der Zwangsarbeit und des Holocaust in Griechenland vermitteln.

Dabei stehen vor allem die Opfer jüdischer Zwangsarbeit für die NS-Organisation Todt im Fokus. Darüber hinaus soll jedoch auch die Rolle des Ingenieurs und Fotografen Hans Rössler, der selbst auf einigen Fotos zu sehen ist, in den Fokus rücken. Zum ehemaligen NSDAP-Mitglied und Hauptgruppenführer der Organisation Todt liegen dem Dokumentationszentrum bisher kaum Informationen vor. Da er in Nürnberg geboren ist und nach dem Krieg wohl in Roth gelebt und dort auch verstorben sein soll, gehen die Historiker und Historikerinnen davon aus, dass in der Region jemand weiterhelfen könnte. „Gerne würden wir mehr über ihn erfahren, da er vermutlich einer der zentralen Akteure des Zwangsarbeitereinsatzes in Karya war. Auch sein Nachkriegsleben wäre von Interesse für uns“, sagt Dr. Iason Chandrinos vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit.

Sollten Sie weitergehende Informationen bzw. Hinweise über Leben und Wirken von Hans Rössler haben, wenden Sie sich mit einer Nachricht gerne direkt an das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin.

 

Kontakt:
Dr. Iason Chandrinos

Tel: +49 30 6390 288 06

chandrinos(at)topographie.de

PDF

2019

Ausstellung "Holocaust und Zwangsarbeit in Galizien Eine Geschichte von Vertreibung und Überleben"

Dem Holocaust in der osteuropäischen Region Galizien widmet sich eine neue Ausstellung im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide. In dem polnisch-ukrainischen Grenzgebiet lebten vor dem deutschen Einmarsch über 500.000 Juden. Die Deutschen ermordeten sie fast ausnahmslos.
WEITERLESEN


Ausstellung "Verlorenes Gedächtnis? Orte der NS-Zwangsarbeit in der Tschechischen Republik."

7. Mai 2019
Dem Nachbarland Tschechien widmet sich die neue Ausstellung „Verlorenes Gedächtnis?“ im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit. Anhand von Fotografien, Zeitzeugenaussagen und historischen Objekten werden 18 Orte in der heutigen Tschechischen Republik dargestellt, an denen Opfer des NS-Regimes Schwerstarbeit leisten mussten. 
WEITERLESEN


Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Deutschland rufen auf zur Verteidigung der Demokratie

14.Dezember 2018
Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer nationalsozialistischer Gewalt nehmen als Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit einer verbrecherischen Vergangenheit eine wichtige Bildungsaufgabe für die Gegenwart wahr. Ihre Arbeit folgt der aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus gewonnenen Verpflichtung unserer Verfassung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Art.1GG).
WEITERLESEN

Ausstellung „Philibert und Fifi“ (23. November 2018 – 28. April 2019)

13. November 2018
Pressemitteilung zur Ausstellungseröffnung
WEITERLESEN